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Diversity-Tag: Vielfalt fördern und pflegen

Sertan Sanderson | Paula Rösler
27. Mai 2020

Was können Unternehmen und Institutionen in Deutschland tun, um die Vielfalt am Arbeitsplatz zu stärken? Am Deutschen Diversity-Tag soll diese Frage im Fokus stehen. 2020 steht er auch im Zeichen der Corona-Pandemie.

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Symbolbild Poly Amory
Bild: Getty Images/AFP/R. Schemidt

Vorurteile abbauen und gegenseitige Wertschätzung fördern - unabhängig von Geschlecht, Nationalität, ethnischer Herkunft, Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexueller Orientierung oder Identität. Das sind die Ziele, für die sich die Arbeitgeberinitiative "Charta der Vielfalt" einsetzt, die Initiatorin des bundesweiten Aktionstags.

"Gemischte Teams steigern Kreativität und Innovationskraft - Skills, die für Organisationen im Moment unersetzlich sind. Deshalb brauchen wir gerade jetzt noch mehr aktives Diversity Management", sagt Stephan Dirschl, der Pressesprecher der Initiative.

Wegen der Corona-Pandemie findet der Diversity-Tag 2020 hauptsächlich digital statt. Mit dem Hashtag #FlaggefürVielfalt beteiligen sich Unternehmen an Online- und Social-Media-Aktionen. 

Dass es noch viel zu tun gibt in Deutschland und dass Aktivitäten wie diese nach wie vor nötig sind, zeigen unter anderem die Beispiel von Philippa* und Tessa*.

Zusätzlicher Stress durch Corona

Philippa* kommt gebürtig aus Australien, lebt aber seit einigen Jahren in Deutschland. "Die Gesellschaft ist an einem Punkt angekommen, an dem sie Sexismus, Rassismus und Homophobie ablehnt", sagt sie. "Im Umgang mit Menschen mit Behinderung sind wir aber noch nicht ganz so weit." Philippa spricht dabei aus eigener Erfahrung. "Was mir in Deutschland immer wieder aufgefallen ist, ist, dass die Menschen oft nicht glauben, dass ich eine Behinderung habe. Ich muss mich immer wieder rechtfertigen."

Für Philippa hat die Corona-Pandemie die Lage nur noch schwieriger gemacht. Da sie selbst zur Risikogruppe gehört, musste sie sich in den vergangenen Monaten in ihre Bonner Wohnung zurückziehen. Ihre Freunde haben ihr geholfen, sich mit Vorräten einzudecken - von einer offiziellen Institution aber habe sie keine Unterstützung erhalten, beklagt sie. "Ich weiß nicht, was Menschen tun, die keine Hilfe aus ihrem Umfeld erhalten."

Symbolbild Transgender Toilette
In Deutschland gibt es noch viel zu tun in Sachen Teilhabe und InklusionBild: picture-alliance/ZUMAPRESS

Angst vor Vorurteilen

Hinzu komme, so Philippa, dass in Deutschland - anders als beispielsweise in Australien - viele Gebäude nicht rollstuhlgerecht seien. Dabei ist Barrierefreiheit gerade am Arbeitsplatz besonders wichtig. Laut der Initiative "Charta der Vielfalt" werde Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen im Arbeitsprozess noch zu oft verminderte Produktivität unterstellt. Diversity Management kann dabei helfen, deren Fähigkeiten und Potenziale in den Vordergrund zu stellen sowie Arbeitsprozesse zu optimieren.

In Deutschland gibt es eine gesetzlich geregelte die Quote für die Beschäftigung von Schwerbehinderten. Diese liegt bei 5 Prozent für Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern. Viele Unternehmen erfüllen die Quote aber nicht und müssen daher eine Ausgleichsabgabe zahlen. Das müsse aber nicht zwangsläufig daran liegen, dass im Unternehmen zu wenig Menschen eine Behinderung haben, so die "Charta der Vielfalt". Gerade nicht sichtbare Behinderungen würden aus Angst vor Vorurteilen oder Benachteiligungen verschwiegen. 

Eine Frage der Liebe

Auch Tessa*, die aus den USA stammt und jetzt in Deutschland lebt, kennt das Gefühl, sich verstecken zu müssen - auch wenn es bei ihr um etwas anderes geht. Tessa ist polyamorös: "Bei Polyamorie geht es nicht nur um Sex, sondern auch um den Liebesaspekt und eine hohe Dosis Respekt und Ehrlichkeit." Tessa ist der festen Überzeugung, dass eine vielfältigere Gesellschaft ihr helfen würde, offen mit ihrer Situation umzugehen.

"Ich habe immer noch das Bedürfnis, meine Identität zu verbergen. Ich kann meinem Arbeitgeber oder meinen Kollegen nicht von meinem Lebensstil erzählen, weil die Leute tratschen und ich meinen Job verlieren könnte aufgrund von Vorurteilen." Nicht einmal ihrer Familie könne sie davon erzählen - aus Angst, ausgegrenzt zu werden. "Es gibt kein Gesetz, das mich an meiner Art zu lieben hindert – es sei denn, ich wollte legal mit mehr als einer Person verheiratet sein. Aber es gibt auch nichts, was meine Entscheidung, so zu leben, schützt."

An Normvorstellungen rütteln

Oft würden die sexuelle Orientierung und sexuelle Identität von Beschäftigten am Arbeitsplatz als Privatsache eingestuft und demnach als nicht relevant für den beruflichen Alltag, schreibt die Initiative "Charta die Vielfalt". Tatsächlich seien der Small-Talk am Kaffeeautomaten, Gespräche in der Kantine oder Firmenfeiern mit Partnern aber Teil der täglichen Arbeitsroutine. Dabei werde meistens ganz selbstverständlich die Normvorstellung einer heterosexuellen Partnerschaft vorausgesetzt.

"Wichtig ist uns, Diversity Management als dynamischen Prozess zu sehen, der eine ständige Reflektion aller Aktivitäten bedeutet, die in einer Organisation stattfinden", sagt Stephan Dirschl. "In diesem Sinne gibt es auch noch sehr viele Felder, die auch 2020 noch nicht optimal laufen. Wir denken hier beispielsweise an Themen wie Frauen in Führungspositionen oder auch ein Berücksichtigen unterschiedlicher sozialer Herkünfte in Teams."

Umso wichtiger sei die starke Wirkung des Deutschen Diversity-Tags, an dem in diesem Jahr bundesweit über 700 Organisation mit über 1.500 Aktionen teilgenommen haben.

* Die Namen der für diesen Artikel befragten Personen wurden geändert, um ihre Anonymität zu wahren.

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